“Musikalisches Zuhören“

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Abstract

Für die Wirksamkeit der Psychoanalyse ist es insbesondere bei Behandlungen von schweren Persönlichkeitsstörungen entscheidend, ob die im impliziten Gedächtnis gespeicherten höchst pathogenen Beziehungserfahrungen Eingang in die analytische Beziehung finden. Sie sind nicht verdrängt repräsentiert, sondern sensomotorisch präsent. Zugang zu diesen Beziehungserfahrungen findet der Analytiker nur über eine unmittelbare seelische Einstimmung auf den Gefühlszustand des Patienten, wodurch diese Beziehungserfahrungen erlebbar und körperlich gefühlt werden können. Eine Form dieses Zugangs stellt das “musikalische Zuhören” dar. Anhand einer klinischen Vignette wird gezeigt, welche Mikrovorgänge sich im Inneren des Analytikers abspielten, während eine Patientin ihre unerträglichen affektiven Zustände in den Analytiker projizierte. Durch die Wahrnehmung dieser Zustände und die Übersetzung in Gefühle wurde im Analytiker eine Bereitschaft zu einem “Affekthören” ermöglicht, das sich in vage erlebbaren Ton vorstellungen ausdrückte. Diese haben sich zu “Hörassoziationen” konkretisiert, die Analogien zu musikalischen Tonfolgen aufwiesen. Dieses Beispiel veranschaulicht, wie die vorerst im Analytiker stattfindenden Transformationsprozesse eine durch die der Musik inhärente Affektstrukturierung zeitliche Strukturierung herstellen können. Dies geschieht insbesondere über Rhythmus-, aber auch über Klang- und Melodievorstellungen, die gegenüber einer affektiven Überschwemmung zur Bildung von Vorstellungs- und schlieβlich Denkräumen verhelfen können. Bedeutungen der bisher nichtrepräsentierten Beziehungserfahrungen lassen sich auf diesem Weg erschlieβen.

Particularly in the case of patients with severe personality disorders, the effectivity of psychoanalysis will depend on whether the highly pathogenic relationship experiences which are stored in the implicit memory can be brought into the analytical relationship. These experiences do not occur as repressed material but are sensorimotorically present in the analytical session. The analyst only finds access to these relationship experiences via an immediate psychic tuning into the emotional state of the patient, so that the experiences become identifiable and palpable as a bodily sensation. One form of access is the “musical listening”. A clinical vignette offers a description of the highly subtle, almost intangible processes which were registered by the analyst while a patient projected her intolerable affective states into the analyst. In registering these states and translating them into feelings, a readiness to “affect hearing” was created in the analyst. This expressed itself in vaguely sensed perceptions of sounds which took concrete forms as sound associations analogue to sequences of musical tones. The example shows howthe transformation processes which initially took place in the analyst are able to produce a temporal structure by the affect structuring inherent in music. This occurs particularly via rhythm but also via perceptions of a sound or a melody which can help to create the space to form ideas and finally thoughts, when a patient is faced with a flood of affects. The significance of relationship experiences for which the patient had not formed any representation up to that point can be found in this way.

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